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Europäisches Gastschuljahr Mit dem Beginn des Schuljahrs
1995/96 wurde am Augustinus-Gymnasium das ”Gastschuljahr für
höhere Schüler Westböhmens” ins Leben gerufen. Es
wurde als Pilotprojekt zum Vorbild für das ”Bayerisch-Tschechische
Gastschuljahr in der EUREGIO EGRENSIS”.
Unsere Gastschüler wohnen
in Gastfamilien und im Studienseminar St. Augustin.
Das Projekt versteht sich als Beitrag zur kulturellen Verzahnung der Grenzräume Bayern / Böhmen und zur Wiedergewinnung ihrer Brückenfunktion, stellt aber auch ein europäisch akzentuiertes Verständigungs- und Bildungsangebot dar, das die zwischen 1945 und 1989 entstandenen Kenntnislücken und Kommunikationsdefizite abbauen, nationalistischen Tendenzen langfristig entgegenwirken und ein zukunftsorientiertes Miteinander von Deutschen und Tschechen im Grenzraum fördern soll. Die breite Unterstützung verschiedener Institutionen und Privatpersonen lässt eine anspruchsvolle Zielsetzung zu. Die Schüler bekommen die Möglichkeit, einen Intensivkurs in zwei europäischen Leitsprachen - Deutsch und Englisch - mitzumachen. Sie können ein Bildungsangebot nutzen, das Zugänge zur (west)europäischen Bildungs- und Hochschullandschaft eröffnet, also zur Studierfähigkeit im deutschen und europäischen Ausland beitragen kann. Das Projekt ist ein wichtiger Kommunikationsbeitrag im bayerisch-böhmischen bzw. deutsch-tschechischen Verhältnis, dient dem Abbau von Verständigungshürden, die durch die jahrzehntelange künstliche Isolation des Eisernen Vorhangs unvermeidlich waren, und soll ein vertieftes Verstehen der historisch gewachsenen Mentalität beider Partner wecken. Es ist weiterhin ein landeskundliches Orientierungsprojekt, das mit Hilfe gezielter Erkundungsfahrten den tschechischen Gästen Bayern und Deutschland näher bringen will. Das vertrauensbildende Projekt der Partnerschaft soll durch das intensive Zusammenwirken zwischen den Lehrern, Schulen und Schulverwaltungen diesseits und jenseits der Grenze Kooperation und Transparenz ermöglichen. Im Sinne der Völkerverständigung soll dieses Gastschuljahr die notwendige Langzeitwirkung entfalten, da durch die Dauer von einem Jahr und die erreichte Begegnungsintensität ein hohes Maß an Vertrautheit mit der deutschen Lebenswelt gesichert ist und durch die Kontakte nach Tschechien die europäischen Nachbarn immer enger zusammenrücken können. Der konkurrenzlose Wert von Gastschulaufenthalten besteht darin, dass damit die begabtesten, erfahrungsoffensten und zukunftsbereitesten Jugendlichen der Nachbarrepublik angesprochen werden. Die pure Nützlichkeit von Aufenthalten im Ausland - beschränkt man dies auf das Erlernen einer Sprache und auf das Kennenlernen eines fremden Landes - kann allein nicht ausreichen. Gastschüler, die man nur im Kopf, nicht aber als Gesamtpersönlichkeit erreicht, können weder regional nachbarschaftlich noch europäisch als Verständigungsträger wirken. Man kann nicht aus der gemeinsamen Vergangenheit auswandern, wohl aber mit den Jugendlichen ein neues Kapitel einer gemeinsamen europäischen Geschichte (an der bayerisch-böhmischen Grenze) beginnen. Nur in den Köpfen der Jugendlichen entsteht Geschichte neu - und das will das Projekt nutzen und fördern.
Das Gastschuljahr selbst, das am Augustinus-Gymnasium Weiden seit 1995 läuft, hat seinerseits eine Reihe von beachtlichen Folgeprojekten gezeitigt; eine Auswahl dazu hier:
Ich wollte ein Jahr in Weiden verbringen, aber nicht, weil ich in Pilsen unzufrieden gewesen wäre. Heute glaube ich, dass ich mich deshalb dazu entschieden habe, weil ich einfach erleben wollte, wie es ist, bei einer deutschen Familie in einem anderen Ort zu leben. Mich hat interessiert, wie sich ein Tscheche an einem deutschen Gymnasium fühlt, wie er behandelt wird - und wie ich selbst mit der gänzlich neuen Situation umgehe. Ich hatte keine Angst vor dem Leben „hinter der Grenze“, da ich nicht nur „das Alte“ verlieren und vergessen werde. Aber ich wollte meine Heimat auch aus einem anderen, neuen Blickwinkel sehen (lernen). Die ersten Monate bis Weihnachten waren fast wie eine intensive Vorbereitung auf die weitere Zeit. Ich habe die Veränderung meines Denkens stark wahrgenommen, habe Unterschiede zwischen Bayern und Tschechien beobachtet. Ich habe die ersten Kontakte geknüpft, weil die Leute auf mich zugekommen sind. Ab Januar wollte ich aktiv sein, alle gemachten Erfahrungen anderen mitteilen und sie auch selbst nutzen. In der letzten Phase meines Aufenthalts hatte ich meinen eigenen Freundeskreis, mit dem ich viel unternommen habe, und habe begonnen, ein eigenes, selbständiges Leben zu führen. Nachdem man, vorwiegend am Anfang des Schuljahres, vielen unangenehmen Situationen ausgesetzt wird (z. B. in den Unterrichtsstunden zuhören, alles wahrnehmen, sich eine eigene Meinung bilden, vor der Klasse sprechen und das alles irgendwo in Deutsch oder Tschechisch), wird man immer mutiger, auch weil man bemerkt, dass der eigene Horizont des Denkens und Wissens breiter und weltoffener geworden ist. In Deutschland hätte ich mich nie wohlfühlen können, wenn ich gespürt hätte, dass ich bei meiner Gastfamilie nicht erwünscht bin. Ich hatte eine gleichaltrige Gastschwester, die mir eine sehr gute Freundin geworden ist. Dadurch, dass wir über alles geredet haben, konnte ich die Werte und Lebensweise der Familie kennen lernen. Hier fand ich Anerkennung und Unterstützung, wurde aber auch kritisiert, wenn etwas nicht in Ordnung war, was mir sehr geholfen hat. Neben der Familie war die Schule sehr wichtig. Es war unproblematisch, die Lehrer zu verstehen, was dafür aber bei manchen bayerisch sprechenden Jugendlichen Schwierigkeiten machte. Betrachtet man die Institution, so kann man keine größeren Unterschiede zu Tschechien feststellen. Allerdings ist das Angebot in Deutschland größer und man bekommt, z. B. im Schulchor, Anerkennung, wenn man etwas gut gemacht hat. Heute fällt es mir schwer, meine deutschen Freunde, aber auch die Lehrer so selten zu sehen. Ich finde es schade, dass aufgrund des Informationsmangels an tschechischen Schulen nur wenige Gymnasiasten die Möglichkeit ausnutzen können, an diesem Projekt in Weiden teilzunehmen.
Als wir die Gastschüler am Anfang des Schuljahres das erste Mal in unserem Klassenzimmer sahen, wussten wir noch nicht, was uns dieses Schuljahr erwarten würde. Vom Hörensagen hatten wir schon einen kleinen Einblick in das Projekt, das letztes Jahr zum 3. Mal an unserer Schule stattfand. Außerdem besuchte uns im Vorjahr schon ein tschechischer Gastschüler, außerhalb des Austausch-Projekts, in unserer Klasse. Aber erst jetzt, in der 10. Klasse, waren wir unmittelbar damit konfrontiert. Obwohl sich beide Seiten anfangs zurückhielten und sich erst „beschnupperten“ hatte jeder von uns das Gefühl, dass sie ein Teil unserer Klassengemeinschaft waren. Das Verhältnis zu ihnen hat sich vor allem durch etliche Ausflüge mit ihnen zusätzlich gebessert. Sicher lag es auch an der sehr großen Kontaktfreude und Offenheit, die sie uns entgegenbrachten und womit sie das Kennenlernen erleichterten. Begeistert hat uns
außerdem die Tatsache, dass die Gastschüler
eine angenehme Abwechslung in unseren Alltagstrott brachten. Dennoch war dieses Jahr etwas ganz Besonderes für uns; trotz kleiner anfänglicher Kennenlernschwierigkeiten zählen die tschechischen Schüler zu unseren Freunden und wir werden sie schrecklich vermissen. Wir hoffen, dass es ihnen ebenso gefallen hat, sie uns wieder gern besuchen und mit ihren Erfahrungen, einer guten Sprachkenntnis und schönen Erinnerungen an das Jahr und uns zurückdenken.
Schulleiter: OStD Dr. Michael Mahr (Gesamtleitung) Projektleiter: StD Siegfried Klarner Projektbetreuer: OStR Gerd Lindner (Vorauswahl) Verwaltung: Reg. Ang. Franz Kindl
Deutschland: StD Siegfried Klarner Tschechien: Dr. Margit
Turniková Internet: Info@augustinus-gymnasium.de
Masarykovo Gymnasium Pilsen Gymnasium Stribro
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